„Sag mal Raphael — wenn Du 20 Jahre zurückdenkst: Waren wir da wirklich langsamer?"
Die Frage kam letzte Woche von einem Kunden. Beiläufig, zwischen zwei Kaffee. Und ich wollte sofort antworten: Natürlich waren wir langsamer. Digital ist schneller. Das sagt doch jeder.
Aber dann hab ich kurz nachgedacht. Und die ehrliche Antwort war: Nein. Nicht wirklich.
Ein Nobelpreisträger, der das genauso sieht
Was mein Kunde da beschrieben hat, hat einen Namen: das Solow-Produktivitätsparadoxon.
1987 stellte der amerikanische Ökonom Robert Solow — Nobelpreisträger, wohlgemerkt — eine Beobachtung an, die bis heute unbequem ist:
„You can see the computer age everywhere, except in the productivity statistics."
„Man sieht das Computerzeitalter überall — nur nicht in den Produktivitätsstatistiken."
Fast 40 Jahre ist das her. Und man könnte meinen, seitdem hätte sich das erledigt. Internet, Cloud, KI — irgendwann muss die Produktivität doch explodiert sein.
Hat sie aber nicht.
Die Zahlen sind ernüchternd
Laut OECD liegt Deutschlands Produktivitätswachstum heute bei unter 1% pro Jahr. In den 1960er Jahren waren es noch 4%. Das ist ein Rückgang um drei Viertel — trotz Milliarden-Investitionen in Digitalisierung, Software und Automatisierung.
Wie kann das sein?
Die Anforderungen wachsen schneller als die Zeitersparnis
Das ist der Kern des Paradoxons. Und in der Steuerberatung kann man es fast mit Händen greifen.
Vor 20 Jahren:
Die Steuerformulare kamen per Post. Analog zum Vorjahr vorausgefüllt. Du hast sie händisch ausgefüllt und dann ab zur Post. Fertig.
Heute:
Du brauchst ein Zertifikat. Musst Dich elektronisch authentifizieren. Füllst die Erklärung in ELSTER aus. Nutzt die vorausgefüllte Steuererklärung. Berücksichtigst E-Rechnungen. TSE-Kassenpflicht. Digitalen Bescheidabruf.
Jedes einzelne davon ist für sich genommen sinnvoll. Aber in Summe sind die Anforderungen schlicht mehr geworden. Viel mehr.
Was tatsächlich schneller geworden ist
Ja, der einzelne Buchungssatz geht heute schneller. Deutlich sogar. Belegerfassung, automatische Kontierung, Bankdatenimport — das spart echte Zeit.
Aber es sind auch mehr Buchungssätze geworden. Und die Steuererklärung? Dauert ehrlich gesagt fast genauso lang wie vor 20 Jahren.
Wer behauptet, Digitalisierung hätte den Kanzleialltag radikal beschleunigt, hat vermutlich den Kanzleialltag nicht erlebt.
Die richtige Frage
Und genau das hab ich meinem Kunden dann gesagt:
Die Frage ist nicht: Sind wir schneller?
Die Frage ist: Sind wir besser?
Und da ist die Antwort eindeutig: Ja.
Früher hast Du beim Jahresabschluss einen Beleg gebraucht — und musstest ihn nochmal anfordern. Warten. Hoffen, dass der Mandant ihn findet. Heute hängt er am Buchungssatz. Klick, da ist er.
Früher hast Du einen Ordner gewälzt, um eine bestimmte Rechnung zu finden. Heute gibst Du die Rechnungsnummer ein und suchst über alle Belege aller Mandanten. In Sekunden.
Früher war die Buchhaltung fertig, wenn die Zahlen stimmten. Heute ist sie fertig, wenn die Zahlen stimmen und jeder Beleg zugeordnet, jede Buchung nachvollziehbar und alles jederzeit abrufbar ist.
Das ist keine Geschwindigkeit. Das ist Qualität.
Der größte Denkfehler der Digitalisierungsdebatte
Wir messen Fortschritt in Geschwindigkeit. Schnellere Prozesse, weniger Klicks, kürzere Durchlaufzeiten. Und wenn am Ende der Tag trotzdem gleich lang ist, fühlt sich das an wie Stillstand.
Aber das ist ein Denkfehler.
Was sich verändert hat, ist nicht wie schnell wir arbeiten — sondern was wir in der gleichen Zeit leisten. Die Tiefe. Die Nachvollziehbarkeit. Die Suchbarkeit. Die Verfügbarkeit.
Das hat Robert Solow 1987 so nicht voraussehen können. Aber sein Paradoxon erklärt, warum sich Digitalisierung oft nicht „schneller" anfühlt: Weil die gewonnene Zeit sofort von neuen Anforderungen aufgefressen wird.
Der Gewinn liegt nicht in der Geschwindigkeit. Er liegt darin, was Du mit der gleichen Zeit heute anstellen kannst, was vor 20 Jahren schlicht unmöglich war.
Mein Fazit
Schneller? Vielleicht.
Besser? Definitiv.
Und wer das nächste Mal behauptet, Digitalisierung mache alles schneller: Frag ihn, ob er seine nächste Steuererklärung wieder per Post einreichen möchte. Die Antwort dürfte eindeutig sein.
Quellen: Robert Solow (1987), OECD-Produktivitätsstatistiken, Springer Professional: „Digitalisierung erhöht vor allem die Qualität, nicht nur die Geschwindigkeit"